Ihr kennt das bestimmt: Irgendein Vorhaben liegt schon seit Monaten in der Schublade, der Sprachkurs, die Bewerbung, das Hobby, das ihr eigentlich schon lange mal ausprobieren wolltet, und gleichzeitig gibt es Leute in eurem Umfeld, die einfach loslegen, während ihr selbst noch die dritte Vergleichsseite offen habt.

Meistens liegt das gar nicht daran, dass die einen mehr wissen als die anderen, sondern schlicht daran, wann jemand den ersten Schritt tatsächlich macht.

Henriks Perspektive: „Freunde fragen mich öfter, wie ich meinen Tag organisiere und so schnell in die Umsetzung komme. Bei uns kam kürzlich das Thema Schrebergarten auf – eine befreundete Familie sagte mir, dass sie schon immer wieder mal überlegt, ob sie sich für eine Kleingarten-Parzelle bewirbt. Ich habe dagegen erst letzte Woche von einem anderen Vater in der Kita erfahren, dass es hier einige Kleingartenvereine gibt, bin am Wochenende direkt mit meinem Sohn zu mehreren Vereinen gefahren, habe mich vor Ort schlau gemacht und mich sofort beworben. Das ist ein Muster, das bei mir öfter vorkommt: einfach machen, sich unterwegs schlau machen, in die erste Umsetzung kommen – während andere ewig überlegen und dann entweder nichts tun oder andere Dinge priorisieren und nie an ihren eigentlichen Wünschen arbeiten.“

Schema-Grafik: verschlungener Pfeil mit Fragezeichen und Uhr, beschriftet mit „Überlegen“, daneben ein klarer Pfeil mit Fußspuren und Haken, beschriftet mit „Machen“.

Klein anfangen – auch bei anderen

Das Beispiel oben ist eigentlich fast banal, und genau das ist der Punkt: Es ging nicht um einen besonders klugen Plan oder um Mut, sondern nur darum, den ersten Schritt so klein und ungefährlich zu halten, dass er sich fast von selbst ergeben hat.

Hinfahren und fragen hätte uns im schlimmsten Fall einen Samstagvormittag gekostet, mehr nicht.

Dasselbe Muster taucht auch bei deutlich bekannteren Geschichten auf, und die zeigen ganz gut, dass es dabei nicht um besondere Cleverness oder Talent geht, sondern eher darum, überhaupt loszulegen und den Rest unterwegs zu klären.

Sara Blakely, die Gründerin von Spanx, hatte keinen ausgefeilten Businessplan, als sie anfing: Sie hat einfach die Füße einer Strumpfhose abgeschnitten, weil sie selbst so etwas anziehen wollte, und dann mit 5.000 Dollar eigenem Ersparten losgelegt, während sie tagsüber weiter in ihrem alten Job gearbeitet hat. Die Patentanmeldung, die Fabriksuche, das ganze Drumherum kam erst danach, über mehrere Jahre Feierabendarbeit, nicht vorher.

Und der Erfinder James Dyson hat nach eigenen Angaben mehr als 5.000 Prototypen gebaut, bevor der erste beutellose Staubsauger tatsächlich funktioniert hat – auch bei ihm stand am Anfang kein perfekter Entwurf, sondern einfach der nächste Versuch.

Bei beiden war der erste Schritt unspektakulär und weit weg von perfekt, aber eben ein Schritt, und genau darum geht es hier: nicht darum, wer der bessere Macher ist, sondern darum, was möglich wird, wenn man einfach mal anfängt.

Wichtig ist dabei aber auch, was das Ganze nicht sein soll: Es geht nicht darum, möglichst schnell irgendetwas zu tun oder sich in lauter kleinen Aktivitäten zu verzetteln. Reine Betriebsamkeit ohne ein echtes Ziel dahinter erzeugt am Ende oft nur zusätzlichen Aufwand, ohne dass man dem, was man eigentlich wollte, auch nur einen Schritt nähergekommen ist. Der Punkt ist eher, zielstrebig zu bleiben, also zu wissen, worauf man eigentlich hinauswill, und trotzdem nicht endlos am Anfang hängenzubleiben, sondern mit einem groben Plan im Hinterkopf den nächstmöglichen, überschaubaren Schritt zu gehen.

Wollen, Sollen oder Müssen?

Bevor es ums Wie geht, lohnt sich aber erstmal die ehrlichere Frage nach dem Warum, denn nicht jedes Zögern ist tatsächlich ein Umsetzungsproblem, manchmal ist es eher ein Signal.

Es macht nämlich einen Unterschied, ob ihr etwas wirklich wollt, also ein eigenes Ziel verfolgt, oder ob ihr nur das Gefühl habt, es tun zu sollen, weil es irgendwie erwartet wird, oder ob ihr es tun müsst, weil euch gar keine andere Wahl bleibt. Steckt ihr eure Energie fürs Loslegen in etwas, das eigentlich nur ein Sollen ist, seid ihr am Ende zwar schnell, aber eben schnell im Falschen unterwegs.

Der Schrebergarten war für uns ein echtes Wollen, deshalb ist uns der erste Schritt auch so leichtgefallen. Bei einem „eigentlich sollte ich mal“ lohnt es sich, erst diese Frage zu klären, bevor man sich um die Umsetzung selbst kümmert. Diese kurze Prüfung ist im Grunde schon die ganze Planung, die es vorher braucht, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Was ist Action Bias?

Was in der Psychologie als Action Bias bezeichnet wird, beschreibt genau diesen Reflex: die Neigung, in einer unklaren Situation lieber irgendetwas zu tun, statt abzuwarten, selbst wenn Abwarten die eigentlich bessere Option wäre.

Am besten untersucht ist das ausgerechnet am Elfmeterpunkt. Die Wirtschaftspsychologen Michael Bar-Eli, Ofer Azar, Ilana Ritov, Yael Keidar-Levin und Galit Schein haben 286 Elfmeterschüsse aus internationalen Spielen ausgewertet und sind dabei auf ein Ergebnis gestoßen, das erstmal überrascht: Torhüter springen in weit über 80 Prozent der Fälle zur Seite, obwohl fast ein Drittel aller Schüsse in der Mitte des Tors landet, wo ein einfach stehenbleibender Torwart die besten Chancen hätte.

Die Erklärung ist simpel: Stehenbleiben fühlt sich falsch an, auch wenn es rechnerisch die klügere Wahl wäre, und Springen wirkt nach außen wie die verantwortungsvollere, aktivere Entscheidung.

Bei uns hat genau dieser Mechanismus beim Schrebergarten in die richtige Richtung gewirkt: einfach direkt hinzufahren statt erst wochenlang zu recherchieren.

Schema-Grafik eines Fußballtors: Torwart springt zur Seite, der Ball liegt in der Mitte, beschriftet mit „1 von 3 Elfmetern geht in die Mitte“.

Was die Forschung zeigt

Auf der anderen Seite steht das, was in der Forschung Analysis Paralysis genannt wird, also das Gefühl, erst dann wirklich entscheiden zu dürfen, wenn man alle Informationen zusammengetragen hat, was in der Praxis aber so gut wie nie passiert.

Der Wirtschaftspsychologe Herbert Simon hat dafür schon 1956 den Gegenbegriff Satisficing geprägt, zusammengesetzt aus „satisfy“ und „suffice“: Man sucht nicht die eine perfekte Option, sondern nimmt die erste, die ein paar vorher klar festgelegte Mindestkriterien erfüllt.

Der Psychologe Barry Schwartz hat das später in einem vielbeachteten Vortrag weitergedacht und beschrieben, wie Menschen, die immer die bestmögliche Option suchen wollen, also die „Maximizer“, mit ihren Entscheidungen im Schnitt unzufriedener sind als diejenigen, die sich mit einer guten genug Option zufriedengeben und dann einfach weitermachen, den „Satisficern“ – obwohl Maximizer am Ende teils sogar objektiv bessere Ergebnisse erzielen. Die ganze Sucherei selbst kostet also oft mehr, als sie am Ende bringt.

Schema-Grafik: Kasten „WENN [Auslöser]“ mit Pfeil zu Kasten „DANN [Handlung]“, symbolisiert einen Wenn-Dann-Plan.

Der zweite Baustein hat weniger mit der Entscheidung selbst zu tun als mit dem, was danach passiert, nämlich dem eigentlichen Anfangen.

Der Psychologe Peter Gollwitzer erforscht seit den neunziger Jahren sogenannte Implementation Intentions, also ganz konkrete Wenn-Dann-Pläne nach dem Muster „wenn Situation X eintritt, dann tue ich Y“.

In einer breit angelegten Meta-Analyse über 94 Einzelstudien haben Gollwitzer und Peter Sheeran 2006 gezeigt, dass Leute, die ihr Vorhaben vorher in so einen Wenn-Dann-Plan gegossen haben, ihr Ziel deutlich zuverlässiger erreichen als mit einer bloßen Absicht, der Effekt ist über alle Studien hinweg mittel bis groß (d = 0,65). Am stärksten wirkt der Plan ausgerechnet an der Stelle, an der die meisten hängenbleiben, nämlich beim eigentlichen Loslegen.

Wann Überlegen doch die bessere Wahl ist

Damit hier kein Freibrief fürs blinde Draufloshandeln entsteht: Auch am Elfmeterpunkt ist Stehenbleiben nicht in jeder Situation die richtige Wahl, es kommt eben auf die jeweilige Lage an und nicht auf einen pauschalen Reflex nach dem Motto „Handeln schlägt Nichtstun immer“.

Bei Entscheidungen mit echtem Risiko, mit Folgen, die sich kaum rückgängig machen lassen, oder bei Themen, zu denen man tatsächlich noch mehr wissen muss, etwa eine größere Finanzentscheidung, ein Vertrag oder eine gesundheitliche Frage, bleibt gründliches Abwägen weiterhin die bessere Wahl.

Der Unterschied, um den es hier eigentlich geht, betrifft die vielen kleineren, jederzeit rückgängig zu machenden Vorhaben, bei denen man aus reiner Gewohnheit trotzdem ewig hin und her überlegt, der Sprachkurs, die Anfrage beim Verein, das kleine Hobby-Projekt. Genau dort kostet einen das Zögern selbst am Ende mehr, als ein möglicher Fehlstart je kosten würde.

Wie ihr das für euch nutzen könnt

Was heißt das jetzt für euch ganz praktisch? Stellt euch jemanden vor, sagen wir Tom, der seit über einem Jahr davon erzählt, dass er eigentlich mal wieder Klavier spielen lernen möchte, so wie früher als Kind.

Jedes Mal, wenn das Thema hochkommt, sagt er, er müsse sich erstmal informieren, welche Schule gut ist, ob sich ein E-Piano oder ein echtes Klavier mehr lohnt, ob er neben dem Job überhaupt die Zeit dafür findet. Ein Jahr später hat er immer noch nicht angefangen, kennt dafür aber inzwischen drei verschiedene Vergleichsportale für E-Pianos auswendig.

Was Tom fehlt, ist eigentlich keine Information mehr, sondern eine Schwelle, ab der er aufhört zu recherchieren und anfängt zu handeln.

Das könnte so aussehen, dass er sich vorher zwei, drei Kriterien überlegt, ab denen er einfach loslegt, statt zu warten, bis wirklich „alles“ geklärt ist, dass er sich einen festen Wenn-Dann-Plan setzt, etwa „wenn ich Freitagabend nach Hause komme, rufe ich bei der Musikschule um die Ecke an“, dass er den kleinsten, jederzeit rückgängig zu machenden Schritt geht, eine Probestunde buchen zum Beispiel, statt gleich das ganze Vorhaben durchplanen zu wollen, und dass er sich eine Deadline setzt, bis wann er sich entschieden hat, egal wie vollständig sich seine Informationslage bis dahin anfühlt.

Genau dieser kleine Unterschied entscheidet meistens, ob aus einer Idee irgendwann wirklich etwas wird oder ob sie für immer eine Idee bleibt.

Der Transfer

Wenn ihr wollt, nehmt euch kurz Zeit für eine ehrliche Antwort: Wo überlegt ihr selbst schon länger, ohne wirklich weiterzukommen? Ist das bei euch ein echtes Wollen oder eher ein Sollen? Und was wäre der kleinste, risikoarme erste Schritt, den ihr diese Woche gehen könntet?

FAQ

Ist Action Bias nicht einfach unüberlegtes Handeln?

Nein, Action Bias beschreibt eher den Reflex, in einer unklaren Situation automatisch irgendetwas zu tun, weil sich Nichtstun falsch anfühlt. Es geht hier auch nicht darum, diesen Reflex blind zu feiern, sondern ihn bei den vielen kleinen, rückgängig zu machenden Alltagsentscheidungen bewusst zu nutzen, statt aus reiner Gewohnheit endlos abzuwägen.

Was ist so ein Wenn-Dann-Plan konkret?

Ein Satz nach dem Muster „wenn [Situation oder Zeitpunkt], dann tue ich [Handlung]“, zum Beispiel „wenn ich Freitagabend nach Hause komme, melde ich mich für den Kurs an“. Das funktioniert deutlich zuverlässiger als ein vager Vorsatz, weil Auslöser und Handlung fest miteinander verknüpft sind.

Gilt das auch für größere, folgenreiche Entscheidungen?

Nur bedingt. Bei Entscheidungen mit echtem Risiko oder schwer umkehrbaren Folgen, etwa bei größeren Investitionen, Verträgen oder gesundheitlichen Fragen, bleibt gründliches Abwägen weiterhin sinnvoll. Der Ansatz hier zielt eher auf die vielen kleineren, reversiblen Vorhaben im Alltag.

Fazit: Vom Zuschauer zum Umsetzer

Umsetzungsstärke ist wahrscheinlich kein Talent, das manche einfach haben und andere nicht, sondern eher eine Frage, wo für euch persönlich die Schwelle liegt, ab der ihr vom Überlegen ins Tun wechselt. Legt ihr diese Schwelle bei den richtigen, also reversiblen Vorhaben bewusst etwas niedriger, kommt ihr schlicht öfter ins Handeln, und zwar nicht, weil ihr weniger nachdenkt, sondern weil ihr das Nachdenken auf das Wesentliche verkürzt und den Rest beim Tun klärt.

Ob der Schrebergarten am Ende die richtige Entscheidung war, wissen wir ehrlich gesagt selbst erst in ein paar Jahren, aber das hätten wir so oder so erst hinterher gewusst, egal wie lange wir vorher überlegt hätten.

Euer Henrik


Hinweis: Dieser Artikel spiegelt unsere persönlichen Erfahrungen und öffentlich zugängliche psychologische Forschung wider und ersetzt keine individuelle Beratung. Bei anhaltender Entscheidungsunfähigkeit oder starkem Leidensdruck wendet euch an eine Fachperson. Für Recherche, Textentwürfe und die Illustrationen dieses Artikels haben wir KI-Tools genutzt – Inhalt und Bilder haben wir selbst geprüft und verantwortet.

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